Interview mit Christine Cavalli anlässlich der Ehrung

 

 

Mittlerweile sind Sie seit gut einem Monat Ritter im Orden für Kunst und Literatur. Ich nehme an, ein durchaus angenehmes Gefühl?

 

Sie sagen es. Allerdings auch anregend, ich freue mich auf einige neue Herausforderungen.

 

 

Sie schlossen Ihren beruflichen Werdegang nach einem Studium an der Universität Leipzig und am 1. Moskauer Fremdspracheninstitut als Diplom-Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin für Russisch und Französisch ab. Wo lagen die Beweggründe für eine solche Wahl?

 

Ich habe mich schon in meiner frühen Schulzeit für Russisch begeistert und alle Möglichkeiten genutzt, diese Sprache auszuprobieren. Das war nicht schwer, denn es gab eine rege Reisetätigkeit von Gruppen aus der Sowjetunion in die DDR und umgekehrt. Wir Schüler durften während der Treffen mit der Bevölkerung schon einfache Gespräche „dolmetschen“. Es war zwar recht holprig, aber im Gegensatz zu den doch ziemlich gestelzten Texten in den Lehrbüchern lebendig. Außerdem lockte die Johann-Gottfried-Herder-Medaille als Auszeichnung für Schüler mit sehr guten Russischkenntnissen.

 

 

Und?

 

Ich habe sie dreimal in Gold bekommen. Im Gymnasium kamen dann noch Französisch und Latein dazu. Für Französisch fehlten in der DDR leider die Anwendungsmöglichkeiten, was dem Interesse zunächst etwas Abbruch tat.

 

 

Welche Rolle spielt Fernweh dabei und welche, der Wunsch danach, verbinden zu können? Verbinden zwischen Nationen, Kulturen, Literaturen und eben Sprachen?

 

Sicherlich spielte Fernweh am Anfang eine unterschwellige Rolle. Es war aber vor allem auch der Wunsch, mich mit Menschen aus anderen Ländern austauschen zu können, die Möglichkeit, mir zusätzliche Horizonte zu erschließen, in einer anderen Sprache zu lesen, zu korrespondieren. Ich habe das nach allen Regeln der Kunst unter Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten betrieben. Ich war natürlich über meine erste Reise als Studentin nach Moskau und über meinen späteren Studienaufenthalt dort sehr froh und zufrieden.

 

 

In Ihrer Dankesrede sprachen Sie davon, wie genau Sie sich an die Aufregung und die Erwartungen erinnern können, die empfunden wurden, nachdem Staatspräsident François Mitterrand im Jahr 1989 die Gründung eines Institut français in Leipzig versprach. Welche Hoffnungen waren damit verknüpft?

 

Damals gab es bereits das Institut français in Berlin-Ost, Unter den Linden, dessen Bibliothek wir als deutsch-französische Familie oft in Anspruch nahmen. Ein Institut aber mit Büchern, Filmen, Ausstellungen und Veranstaltungen in der eigenen Stadt war natürlich noch reizvoller - und zudem bequemer.

 


Sie sprachen ebenso von der Turbulenz der ersten Zeit nach der 1990 erfolgten Gründung des Institut français. Wie fühlte sich die erste Zeit nach 1990 da an? Waren Sie befreit, war alles einfacher oder schöner? Oder schlicht anders?

 

Es war ein Systemwechsel, der sehr schnell von statten ging und bei sehr vielen einen rigorosen Bruch ihrer Biografie zur Folge hatte, ob positiv oder negativ war individuell verschieden.

 

Ich war in all den Jahren, auch durch meine doppelte Staatsbürgerschaft mit Frankreich, mit meiner französischen Familie, meinen französischen Freunden privat verbunden und wechselte nur in das Dienstverhältnis einer offiziellen französischen kulturellen Einrichtung an meinem Heimatort, was kein schwerer Schritt, sondern für mich die Erfüllung eines langgehegten Wunsches war. Ich hatte Lust mich einzubringen, mich zu engagieren, meine Sprach- und Landeskenntnisse zur Verfügung zu stellen, selbst dazu zu lernen und zwischen den Abgesandten der französischen Kultur und den Leipzigern zu vermitteln.

 

 

Sie erwähnten auch die „magischen Momente der Verwirklichung“. Gibt es ein Moment, mit dem Sie ihre langjährige Arbeit und deren Verwirklichung zusammenfassen können?

 

Ich denke, meinen Teil dazu beigetragen zu haben, das Interesse der französischen Künstler und Schriftsteller für unsere Stadt und deren Menschen geweckt zu haben, vor denen sie lasen oder ihre künstlerischen Arbeiten zeigten, damit es zu einem gegenseitigen Austausch kam. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist das Buch Leipzig von Michel Besnier, das ich die Freude hatte zu übersetzen. Aber auch viele andere Vertreter der französischen Kultur hat ihr Aufenthalt in Leipzig zu Texten inspiriert.

 

 

Für mich stehen die Begriffe von Verständigung und Austausch ganz klar in Verbindung mit Ihrer Arbeit. Haben auch Sie sich das Anliegen Charles de Gaulles zu Eigen gemacht, dass die Zukunftsgestaltung Sache der Jugend ist?

 

Als de Gaulle das gesagt hat, fühlten wir uns direkt angesprochen, denn die Jugendlichen waren wir. Es musste alles auf uns, die unbelastete Jugend gesetzt werden. Der historische Kontext war damals noch ein anderer, der zweite Weltkrieg lag noch nicht lange zurück und die so genannte „Erbfeindschaft“ zwischen den beiden Ländern war kein so unwirklich klingendes Wort wie heute. Durch einen Austausch auf allen Ebenen, mit allen Möglichkeiten, bei der keine gering geschätzt werden durfte, ist eine neue Qualität des Verstehens erreicht worden. Heute haben wir zwar in Europa viel erreicht, aber der Austausch- und Gesprächsbedarf bleibt, natürlich neu thematisiert. Selbstverständlich muss die Jugend übernehmen, das ist der Lauf der Dinge. Aber die Meinung von uns Älteren und Erfahrenen sollte ebenfalls geschätzt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit in der Stiftung Elemente der Begeisterung.

 

 

Ja, denn Sie sind seit Anfang 2011 Kuratorin der Stiftung Elemente der Begeisterung. Was ist es, das Sie daran begeistern kann? Entdecken Sie Aspekte, die Sie selbst angetrieben haben in den Dingen, die Sie für interkulturellen Austausch erarbeiteten, in der Arbeit der Stiftung wieder?

 

Unbedingt. Dieses Bestreben, mit anderen zu sprechen, sie in ihrem sozialen wie kulturellen Umfeld zu akzeptieren und zu achten, von ihnen Erkenntnisse zu übernehmen und eigene weiter zu geben, nicht als Selbstzweck, sondern um friedlich miteinander zu leben, waren auch immer meine Antriebsziele.

 

Die jungen Stiftungsmitglieder arbeiten auf einem sehr hohen Niveau, setzen sich kritisch mit Meinungen auseinander und absolvieren ihre Projekte nicht einfach routiniert, sondern immer mit einem Wissensgewinn für alle Seiten. Ihr jugendlicher Elan und ihr Ideenreichtum sind bewundernswert.

 

Ich gebe meine Erfahrungen gern weiter und setze nicht darauf, dass unbedingt alle Empfehlungen als Treffer gewertet werden.

 

 

Gibt es Projekte der Stiftung, die Ihnen besonders am Herzen liegen? Eventuell das Kreta-Projekt?

 

Ich greife tatsächlich das Kreta-Projekt aus der Zukunftswerkstatt Europa heraus, weil es unser aktuelles Projekt ist, weil zum ersten Mal griechische Jugendliche an einem unserer Projekte, diesmal auf Kreta, teilnehmen und weil uns der französische Botschafter in Deutschland, S.E. Maurice Gourdault-Montagne, zugesichert hat, dass wir die Ergebnisse des Kreta-Projektes, eine Ausstellung von Zeichnungen, Fotografien, Filmen/Videos und Texten über aktuelle deutsch-französische-griechische Themen von Jugendlichen aller drei Länder im Herbst 2013 in der französischen Botschaft zeigen dürfen, bevor die Ausstellung dann auf Reisen geht. Das ist noch einmal ein besonderer Anreiz.

 

 

Ziel vieler Projekte ist eine bessere internationale, interkulturelle Verständigung und Zusammenarbeit, sowie Verantwortungsbewusstsein und Toleranz. Wohin können solche Bestreben führen? Wohin kann interkulturelle Zusammenarbeit führen? Und gibt es überhaupt ein 'Produkt' oder 'Ziel' oder ist es gerade das Erarbeiten gemeinsamer Grundlagen, Vorstellungen, Wünsche?

 

Es ist der Weg über interkulturelle Verständigung und unermüdliche Zusammenarbeit, der zu mehr Toleranz und gemeinsamen Vorstellungen führt. Er ist mühsam und manchmal entmutigend. Da gibt es noch unendlich viel zu tun. Trotzdem sollten wir nicht nachlassen und uns auch über kleine Erfolge freuen.

 

 

Was hat Sie zuletzt begeistern können?

 

Die Veranstaltungen des Institut français während der Leipziger Buchmesse. Und privat die amüsanten Telefongespräche mit meiner in Paris lebenden 5-jährigen Enkelin auf Deutsch und Französisch.

 

 

 

Ihre Ansprechpartnerin

Portrait Robert Biskop

Christine Cavalli

Kuratorin der Stiftung Elemente der Begeisterung

christine.cavalli[at]t-online.de